Notizen aus der Provinz

Heino

Neulich, ich saß mit meiner Liebe in einem Ahrweiler Szenelokal, spielte der langhaarige Bombenleger hinter der Theke den neuen Heino-Soundtrack. Früher nannte man das mal Album. Kann mich nicht mehr daran erinnern, wann der Münstereifler Barde auf Platz eins der Charts war. Aber: Chapeau. Der Mann ist fast 75, hat einiges im Leben von sich gegeben und die schwarz-braune Haselnuss lastet immer noch in meinem Teil des nachkriegsdeutschen kollektiven allgemeinen Schuldbewusstseins, mit dem wir auf Klassentouren „Fahrtenlieder“ sangen. „Jenseits des Tales“ war bei meiner SPD-lastigen Klassen- und Musiklehrerin Martha sehr beliebt. „Damit ihr mitsingen könnt auf Familienfeiern“, sagte die Pädagogin. Auf Familienfeiern sangen meine Altvorderen eher das Landserlied und später, wenn es um die Völkerverständigung - sprich dem Zusammensein mit Migranten - ging, auch schon mal die Internationale.

Heino war Kult bei den Ommas und Oppas, weil er dem deutschen Liedgut verbunden ist und Lieder bekanntlich zur ewigen Jugend verhelfen und nicht schlecht sind. "Wo man frohe Lieder singt...".

Heino wurde vielleicht Zeit seines Lebens instrumentalisiert. Im doppeldeutigen Sinne. Hatte er doch damals das „Teutsche Liedgut“ im Blick seines Markenzeichens, so ist es heute ganz und gar nicht anders. Heute wagt er sich an Marius, Herbert, Die Hosen, sogar an Ramstein, Nena und Peter Fox. Und selbst dessen Texte kann der gemeine Zuhörer jetzt endlich verstehen, da es ohne Genuschel ´rüberkommt. Möglicherweise hätte er sich auch mal eines Karnevalssongs annehmen können. Dann würde die „Karwane“ nämlich nicht weiterziehen, weil der Sultan „durchhält“ sondern auf rheinisch „Dursch hätt“. Ungeachtet dessen tummelt sich Heino auf den bundesdeutschen Liedspielwiesen und nimmt, wen wunder es auch, gleich den Mainstream mit.

Was kann mit Heino passiert sein? Wir sitzen uns fragend gegenüber in dem schlecht beleuchteten Laden, dessen Markenzeichen ein zynisch spottender Wirt mit guter Weltanschauung ist. Während dessen höre ich den interpretierten Song der Fantas. „MfG“, dass ist auch der Titel des Albums. Spätestens jetzt wird mir klar, dass Heino höchstwahrscheinlich von seinem Publikum verkannt wurde.

John O´Donohue beschrieb es in seinem Buch “Anam Cara“ auf seine unverwechselbare irische und deshalb auch keltische Art: Mitgefühl für sich selbst und die Kunst der inneren Ernte. Hat Heino es verstanden, die Früchte der inneren Ernte einzufahren? Nach Meinung des Autors ist es „ein Teil des Geheimnisses spiritueller Seelenselbst-Gegenwart … die Fähigkeit, bestimmte Aspekte des Lebens unberührt zu lassen.“

Unberührt dessen lässt Heino kein Genre aus. Selbst der große Volksbarde Grönemeyer zollt Respekt. Dass er mit seinem Album eine Marktlücke gefunden hat, eine hippe, multimediale und jedem Alter entsprechende Auffassung modernen deutschen Liedguts widerspiegelnde Zusammenfassung unseres neuen Zeitgeistes interpretiert, zeugt von ganz viel Mut. Und zwar weil keiner vermutet hätte, dass ausgerechnet Heino sich im fortgeschrittenen Alter noch einmal einem solchen Projekte stellt.

Die Umsetzung ist ihm bei weitem gelungen. Stellen Sie sich einmal vor, Heinz Schenk hätte im selben Alter solche Ambitionen gehabt, der saure Äppelwoi wäre längst Nationalgetränk und in Anbetracht von Hessisch-Nassau wäre die kostspielige deutsche Hauptstadtfrage erst gar nicht aufgekommen, weil die nach dem 2. Weltkrieg vorgeschlagene Mainmetropole jetzt Hauptstadt wäre. „Ei Kall?!“ hätte Frau Hesselbach dazu gesagt

Für meinen Geschmack übertrifft Heino auch schon mal das Original. Aber kein Angst: es geht – glaub´ ich - gar nicht um´s Toppen. Vielmehr versteht er es, das moderne deutsche Liedgut zu konservieren. Ja, Sie haben richtig gelesen. Das gibt’s. Die Bandbreite ist ebenso groß wie erschreckend. Aber Heino ist vor nix fies.

Und sein Kollege Karel Gott bringt es mit Bushido auf den Punkt und lässt mich auf die Gedankenwelt jenseits der gelebten 70 Jahre hoffen: „Für immer jung...“

Mannix